Erntedank – wenn die Ernte Sorgen macht

Erntedank – wenn die Ernte Sorgen macht

 

„Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“ So heißt es in Psalm 145,15. Ein Satz voller Vertrauen. Doch in diesem Jahr klingt er für manche Menschen anders.

Erntedank erinnert uns daran, dass wir nicht alles selbst in der Hand haben. Wir säen und pflanzen, wir arbeiten und planen – aber ob daraus eine gute Ernte wird, hängt von Bedingungen ab, die wir nicht beeinflussen können. Der vergangene Sommer hat uns das vor Augen geführt. Große Hitze, ausbleibender Regen und ausgetrocknete Böden haben den Pflanzen zugesetzt. Mancherorts ist die Ernte verdorben oder deutlich geringer ausgefallen. Für Landwirtinnen und Landwirte bedeutet das nicht nur Enttäuschung, sondern kann zur großen Sorge werden.

Was gibt es angesichts solcher Erfahrungen zu feiern? Erntedank beginnt damit, dass wir die Wirklichkeit ehrlich ansehen. Dankbarkeit bedeutet nicht, Schwierigkeiten schönzureden oder die Sorgen derer zu übersehen, deren Ernte kaum zum Leben reicht. Erntedank lädt dazu ein, wahrzunehmen, was uns trotz allem geschenkt ist – und füreinander Verantwortung zu übernehmen.

„Aller Augen warten auf dich.“ Dieses Bild aus dem Psalm erinnert daran: Niemand lebt allein von dem, was er selbst erwirtschaftet. Wir sind aufeinander angewiesen – auf die Menschen, die Lebensmittel anbauen, auf die Natur und auf Gottes Schöpfung. Wo Menschen füreinander einstehen und teilen, wird etwas von Gottes Güte sichtbar.

Die Botschaft des Erntedankfestes lautet: Dankbarkeit und Sorge gehören zusammen. Wir dürfen für das Gute danken, ohne das Schwere zu verdrängen. Zugleich können wir füreinander einstehen.

„Du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“ Das ist nicht die Zusage eines Lebens ohne Dürre und Missernte. Es ist eine Einladung zum Vertrauen – und zum Teilen. Denn wenn nicht jede Ernte gelingt, bleibt die Hoffnung: Gottes Schöpfung ist uns anvertraut, damit wir sie bewahren und die Gaben des Lebens teilen.

Herzlichst,

Franz Sauerteig



 

Franz Sauerteig, Diakon i.R.

franz.sauerteig@gmail.com