Die letzten Kraniche ziehen in diesen Tagen hoch am Himmel gen Süden und suchen in wärmeren, lichten Gefilden nach einer Bleibe. Wenn sich dieses Naturschauspiel ereignet, wissen wir: Die Zeichen der Zeit stehen auf schwindendes Sonnenlicht, der Sommer, so heiß und trocken und schweißtreibend er dieses Jahr war – ist vorbei.
Körper, Geist und Seele müssen sich nun anpassen an kühlere, womöglich eiskalte Temperaturen und vor allem an die stetig wachsende Dunkelheit, die häufig als Tristesse wahrgenommen wird. Das Kirchenjahr hat, bevor die Adventszeit mit der Botschaft aus der Bibel Hoffnung auf Heil und Erlösung schenken will, die traurigen Tage auf seiner Agenda: Totengedenken mit Allerheiligen (1. November), Allerseelen (2. November) und Totensonntag (22. November). Für alle, die einen lieben Menschen verloren haben, können die dunklen Herbst- und Wintertage zur emotionalen Herausforderung werden.
Da heißt es, seelisches Gleichgewicht im Kleinen zu finden. Zum Beispiel in jener Phase des Tages, die man „Blaue Stunde“ nennt. Sie bezeichnet die Zeitspanne der Dämmerung kurz nach Sonnenuntergang (oder direkt vor Sonnenaufgang), in der sich der Himmel in ein mystisches Blau färbt. Da die Sonne unter dem Horizont steht, wird das Licht gleichmäßig gestreut – es gibt keine harten Schatten, und die Welt wirkt für kurze Zeit still und magisch. Im Herbst und Winter verkürzt sich diese Phase in unseren Breitengraden oft auf etwa 30 Minuten und beginnt durch die kurzen Tage bereits am späten Nachmittag.
Es lohnt sich, die „Blaue Stunde“ neu zu entdecken. Wer in seiner Wohnung bleibt und Zeit hat, kann am Fenster den Übergang bei ausgeschaltetem elektrischem Licht erleben, Musik hören, ein gutes Buch lesen oder beten. In diesen Momenten werden wir gewahr, dass alles seine Zeit hat (Prediger 3). „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ Das Verblassen des Lichts in der „Blauen Stunde“ macht uns das Vergehen der Zeit bewusst und trägt zur „Entschleunigung“ in diesen stressigen Zeiten bei.
Ihr Edgar Hasse
Dr. Edgar Hasse
Journalist und Prädikant in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Alt-Rahlstedt
Dr. edgarhasse@gmail.com